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Donnerstag, 15 Januar 2026 19:59

Vereinfachte Klassiker

Vereinfachte Klassiker im Deutschunterricht Berliner Gymnasien. Vereinfachte Klassiker im Deutschunterricht Berliner Gymnasien. Foto: Pexels / Lizenz: Pexels

Der Deutschunterricht an Berliner Gymnasien verändert sich sichtbar. Lehrkräfte setzen häufiger auf Literaturklassiker in einfacher Sprache. Diese Entwicklung betrifft mehrere Schulen und Jahrgangsstufen. Verlage, Pädagogen und Bildungspolitik reagieren unterschiedlich. Im Mittelpunkt steht der Umgang mit klassischen Texten ab Klasse 8, ähnlich wie bei anderen bildungspolitischen Debatten in aktuellen Bildungsprojekten in Berlin.

Inhaltsverzeichnis

Cornelsen Verlag und Einfach klassisch

Der Cornelsen Verlag entwickelt Schulbücher und Unterrichtsmaterialien. Dazu gehört die Reihe „Einfach klassisch“. Sie umfasst unter anderem „Romeo und Julia“, „Wilhelm Tell“ und „Faust“. Die Ausgaben sind kürzer. Die Sprache ist vereinfacht. Ergänzend gibt es Worterklärungen, Infoboxen und Bilder. Die Reihe wurde ursprünglich für Haupt-, Real- und Gesamtschulen konzipiert.

Auf der Website des Verlags heißt es, dass weniger geübte Leser ab Klasse 8 leichter Zugang finden sollen. Ziel ist eine nachhaltige Steigerung der Lesemotivation. Laut Sven Haedecke, Sprecher des Verlags, greifen zunehmend auch Gymnasiallehrkräfte auf diese Bücher zurück. Diese Einschätzung äußerte er gegenüber dem Tagesspiegel. Bildungsfragen werden dabei ähnlich kontrovers diskutiert wie bei der Frage, ob Informatik an Berliner Schulen verpflichtend sein sollte.

Lessing-Gymnasium Berlin-Wedding

Eine Deutschlehrerin des Lessing-Gymnasiums in Berlin-Wedding bestätigte den Trend. Die Schule besitzt sechs Literaturklassiker in einfacher Sprache als Klassensätze. Diese werden im Medienzentrum ausgeliehen. Vor allem in der 8. und 9. Klasse. Die Nutzung lässt sich an der Ausleihe nachvollziehen, nicht an festen Vorgaben.

Die Lehrerin berichtete, sie habe in einer 9. Klasse aus Zeitgründen zu „Nathan der Weise“ in einfacher Sprache gegriffen. Der Fokus lag auf Handlung, Figurenkonstellation und Figurenrede. Die Redeanalyse spielte keine zentrale Rolle. Für diese sei aus ihrer Sicht unbedingt der Originaltext erforderlich. Lehrkräfte stehen dabei häufig unter zusätzlichem Druck, wie auch neue Beschwerdestrukturen für Lehrkräfte in Berlin zeigen.

  • 6 verschiedene Klassiker
  • Nutzung ab Klasse 8
  • Einsatz in Deutschstunden

Kritik von Christiane Sauerbaum-Thieme

Kritische Stimmen kommen von erfahrenen Pädagogen. Christiane Sauerbaum-Thieme, frühere Referatsleiterin in der Berliner Bildungsverwaltung, äußerte deutliche Bedenken. Gegenüber dem Tagesspiegel sagte sie wörtlich „Ein Gespenst geht um im Berliner Deutschunterricht: Literatur in einfacher Sprache“. Sie sprach von einer Tendenz zur Auszugskunde. Literatur werde nur noch häppchenweise gelesen. Der Anspruch des Gymnasiums stehe aus ihrer Sicht auf dem Spiel.

Diese Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Lehrkräfte. Sie zielt auf eine strukturelle Entwicklung. Gemeint ist die langfristige Wirkung auf das Lesen ganzer Werke. Der Originaltext verliere an Präsenz.

Robert Radecke-Rauh und Anspruch

Robert Radecke-Rauh, Lehrer des Jahres 2013, äußerte sich differenziert. Er hält den inhaltlichen Einstieg über vereinfachte Texte für nachvollziehbar. Gleichzeitig warnte er vor Folgen. Wörtlich sagte er, dass damit den Klassikern ihre ästhetische Substanz geraubt werde. Zudem verliere das Gymnasium seinen Anspruch auf Hochschulreife. Er zog einen Vergleich zur Musik. Mozarts Opern würden schließlich auch nicht in simple Klänge verwandelt.

Die Recherchen des Tagesspiegels zeigen ein weiteres Detail. Nicht nur Gymnasien mit hohem Migrantenanteil nutzen die Reihe. Auch das Georg-Büchner-Gymnasium in Berlin-Lichtenrade greift darauf zurück. Dort liegt der Anteil nicht deutschsprachiger Kommunikation zu Hause bei rund 10 Prozent. Die Senatsverwaltung für Bildung spricht von einem Pilotversuch in einzelnen Klassen. Schüler zeigten sich darüber verwundert. Laut ihren Angaben wird die Reihe dort seit vielen Jahren verwendet.

Unterstützung kommt vom Fachverband Deutsch. Christian Plein erklärte, dass einfache Sprache notwendig sei. Besonders für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Komplexe Texte könnten so überhaupt erst zugänglich werden.

Prüfe die Standorte der Gymnasien in Berlin auf Google Maps:

Karte: Google Maps

Quelle: WELT, SN2 WORLD

FAQ

Warum werden an Berliner Gymnasien Literaturklassiker in einfacher Sprache eingesetzt?

Lehrkräfte nutzen vereinfachte Ausgaben, um Schülerinnen und Schülern ab Klasse 8 einen leichteren Zugang zu klassischen Texten zu ermöglichen und Lesefrust zu vermeiden.

Welche Werke gehören zur Reihe Einfach klassisch?

Zur Reihe zählen unter anderem „Romeo und Julia“, „Wilhelm Tell“, „Faust“ und „Nathan der Weise“, jeweils in vereinfachter Sprache und gekürzter Form.

Für welche Schulformen wurde Einfach klassisch ursprünglich entwickelt?

Die Reihe war zunächst für Haupt-, Real- und Gesamtschulen konzipiert und wurde später auch an Gymnasien eingesetzt.

Wie werden die vereinfachten Klassiker am Lessing-Gymnasium genutzt?

Das Lessing-Gymnasium in Berlin-Wedding besitzt sechs Klassiker als Klassensätze, die vor allem in der 8. und 9. Klasse ausgeliehen und im Unterricht verwendet werden.

Welche Kritik gibt es an Literatur in einfacher Sprache?

Kritiker wie Christiane Sauerbaum-Thieme warnen vor einer Auszugskunde und einem Verlust des gymnasialen Anspruchs durch das Lesen verkürzter Texte.

Wie bewertet Robert Radecke-Rauh den Einsatz vereinfachter Texte?

Er hält den erleichterten Einstieg für nachvollziehbar, warnt jedoch davor, dass Klassiker ihre ästhetische Substanz verlieren und der Anspruch der Hochschulreife geschwächt wird.

Wer unterstützt den Einsatz einfacher Sprache im Deutschunterricht?

Der Fachverband Deutsch sieht einfache Sprache als notwendig an, um Jugendlichen mit geringen Lesekompetenzen den Zugang zu komplexer Literatur zu ermöglichen.